„Es macht wieder mehr Spaß, fernzusehen.“ - Interview mit Stefan Jenzowsky, Siemens CMT (Österreich) - 1. Teil


Stefan Jenzowsky ist verantwortlich für Innovationen im Bereich Multimedia bei der österreichischen Siemens CMT. Als Redner eröffnete er in Berlin die „Multi-Screen TV 2012“ und präsentierte dabei auch eindrucksvoll die „OTT Swipe“ Technologie. Später trafen wir uns mit Ihm für ein ausführliches Interview.

IPTV-Anbieter.info: Herr Jenzowsky, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit IPTV-Anbieter.info genommen haben. Lassen Sie uns beginnen. Siemens stellt selbst keine TV-Geräte her, sondern arbeitet eher an Lösungen für TV-Produzenten und Distributoren. Wie genau sieht die Arbeit von Siemens im TV-Sektor aus, und welche Position haben Sie im Unternehmen?
Stefan Jenzowsky, Siemens CMT Österreich

S. Jenzowsky: Innerhalb der Siemens CMT (Communications, Media and Technology) – eine Einheit, die bei Siemens Österreich angesiedelt ist und international agiert - leite ich das Geschäftsgebiet Multimedia. In diesem Geschäftsgebiet stellen wir Lösungen für Unternehmen her, wie beispielsweise Broadcaster oder Telekommunikationsfirmen, die im Bereich Fernsehen Bewegt-Content ausliefern wollen. Diese Bewegtbildinhalte liefern wir als sogenanntes „Over-the-Top“-Fernsehen aus.

Früher hat man eher IPTV-Systeme für solche Kunden gebaut – das macht man mittlerweile nicht mehr. Wir bauen aktuell auf web-basierte Technologien - allgemein würde das als eine Webseite mit Video darauf bezeichnet werden. Wir bauen diese Seiten so, dass sie auf ganz vielen Endgeräten laufen, wie Connected TVs, speziellen Set-Top-Boxen, Spielekonsolen und natürlich auch auf mobilen Endgeräten, wie Smartphones oder Tablets.

Siemens CMT arbeitet mit all diesen Unternehmen zusammen, damit Fernsehen auf all diese Geräte ausgeliefert werden kann. Wir selbst betreiben aber keine Fernsehvideothek oder ähnliches, sondern sind ein striktes B2B-Unternehmen und beliefern andere Unternehmen, die mit ihrer Marke in diesem Bereich tätig werden wollen.

IPTV-Anbieter.info: Werden nur Software- oder auch Hardwarelösungen entwickelt?

S. Jenzowsky: Eine Lösung besteht grundsätzlich immer aus Software- und Hardware-Komponenten. Beispielsweise haben wir gerade für „Zee TV“, der größten Fernsehsendergruppe Indiens, ein Lösung gebaut. Diese Firma bietet mit dem Markt in Indien eine technische Reichweite von etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung. Wir beliefern diese Menschen mit Bewegtbildinhalten, also Live-TV und Video-on-Demand. Was dazu benötigt wird sind Hardwarekomponenten, die beispielsweise ein Satellitensignal in ein IP-Signal umwandeln und diese über ein Content-Delivery-Network verteilen. Wir mieten typischerweise diese Hardware und bauen sie nicht selbst. Den Hauptteil unsere Arbeit machen die Softwarewarekomponenten aus: Wir schreiben die Software, die auf diesen Systemen läuft, und betreiben diese dann auch.

IPTV-Anbieter.info: Mit welchen Unternehmen arbeitet Siemens CMT zusammen?

S. Jenzowsky: Das lässt sich in zwei Gruppen unterteilen. Zum einen hätten wir da die B2B-Kunden, wie ich eingangs schon erklärt habe. Als zweite große Gruppe gibt es dann natürlich unsere Partner. Das sind zum Beispiel die sogenannten CE-Unternehmen, also Consumer Electronics Unternehmen. Dazu zählen die Hersteller von TV-Geräten wie Samsung, LG, Philips, Panasonic oder Loewe. Diese Unternehmen haben mit uns entweder Verträge oder stellen sogenannte SDKs (Software Development Kits) bereit, auf deren Basis wir in der Lage sind, Applikationen für die Geräte zu schreiben, die wir dann weltweit einsetzen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Smartphone-Hersteller, wo Firmen wie Apple und Samsung auftreten, und die Operating Systeme wie Windows for Mobile oder Googles Android. Mit all denen haben wir Partnerschaftsverträge oder nutzen SDKs.

IPTV-Anbieter.info: In Ihrem Vortrag auf der „Multi-Screen TV 2012“ über die neue Technologie OTT-TV haben sie – jetzt einmal provokant ausgedrückt – IPTV für „tot“ erklärt. Können Sie das noch einmal genauer erläutern?

S. Jenzowsky: So wie Sie das jetzt sagen, habe ich das nicht gesagt, IPTV ist nicht „tot“. IPTV ist eine ganz fantastische Technologie, die sicherlich in den nächsten Jahren noch deutlichen Zuwachs haben wird, worauf ich in meinem Vortrag auch eingegangen bin. Ich habe selbst auch IPTV zu Hause und benutze es gern, weil es auch sehr gut funktioniert. IPTV bietet erhebliche Nutzungsvorteile, wie durch die Interaktivität oder Video-on-Demand, und ist damit einer der besten Wege, um Fernsehen zu empfangen.

Was jetzt als OTT-TV bezeichnet wird, ist eigentlich eine recht schlichte Technologie. Man nimmt einfach Webinhalte und streamt diese in möglichst hoher Qualität. Verpixelt war gestern, das kann man technisch besser machen. Heute sind die Bandbreiten in vielen Netzen schon so weit, dass man die Videoqualität sehr weit steigern kann, auch bis in den HD-Bereich hinein, und dann nicht mehr von normalem Fernsehen unterscheiden kann. Mein Argument, auf das Sie jetzt anspielen ist, dass es dadurch die Möglichkeit gibt, in einfachen Applikationen, wie beispielsweise in einer App für ein Samsung-TV-Gerät, wie wir es heute gezeigt haben, eine Fernsehqualität abzubilden, die eigentlich der von IPTV entspricht.

Da werden sich natürlich viele Menschen fragen: Warum sollte ich weiter für Kabel-TV bezahlen, wenn ich das Gleiche auch mit einer App empfangen kann? Damit hat „Over-the-Top-TV“ natürlich eine erhebliche, disruptive Wirkung auf die Geschäftsmodelle, denn es gibt eine Vielzahl großer Unternehmen, wie zum Beispiel Kabel Deutschland, die darauf basieren, „in Fernsehen“ auszuliefern. Wenn man das jetzt alles auf einer Webseite oder in einer App machen kann, dann fragt man sich natürlich: Ist das nicht ein Angriff?

Ich habe es heute in meinem Vortrag mit Skype verglichen. Skype ist ein gut funktionierender Telefonie-Dienst, der auch auf „Over-the-Top“ basiert, und es gab dann schon die Frage, ob die klassische Telefonie nicht durch Skype angegriffen wird. Beim Fernsehen könnte es in der Abwägung des einzelnen Komponenten passieren, dass dieser sagt: „Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit einer Mischung aus maxdome, zwei bis drei Webservices und meiner Tagesschauapp – da brauch ich ja eigentlich kein normales Fernsehen mehr!“. Das könnte sich also negativ auf die Geschäftsmodelle von Kabel- und IPTV-Anbietern auswirken.

IPTV-Anbieter.info: Wie wichtig sind Multiscreen-Lösungen für die Zukunft, und welche Möglichkeiten bieten sie?

S. Jenzowsky: „Multiscreen“ ist natürlich erst einmal ein Buzz-Word, und bezeichnet allgemein, dass man einen zweiten Screen neben dem ersten, also dem Fernseher, hat. Dieser zweite Screen ist meist ein Smartphone, jedenfalls in den meisten Anwendungen, die wir sehen. In der Tat sitzen heutzutage viele Leute vor dem Fernseher und nutzen parallel ein Mobiltelefon, um hauptsächlich während der Werbung auf Facebook zu gehen, Emails zu lesen, zu chatten oder solche Dinge.

Da liegt es natürlich nahe zu überlegen, ob es nicht Nutzungskonzepte gibt, bei denen man den zweiten Screen geschickt mit dem Fernsehbildschirm verknüpfen kann. Das haben wir von Siemens CMT zum Beispiel heute auch präsentiert. Wir nennen dieses Produkt „OTT Swipe“, weil Sie sich damit beispielsweise Fernsehen auf allen gängigen mobilen Geräten anschauen können, und wenn Ihnen die Sendung gefällt, können Sie mit einer einfachen Handbewegung eines nach oben Schiebens die Wiedergabe auf die App in Ihrem Fernseher hinüberschieben. Diese Geräte sind dabei über das Internet verbunden. Mit einer einfachen Handbewegung auf Ihrem zweiten Screen können sie so das Programm beispielsweise auswählen, bevor sie es auf dem TV-Gerät ändern.

Das hat einen ganz erheblichen Vorteil, wenn Sie zusammen fernsehen: Sie haben nicht den Suchvorgang auf dem primären Bildschirm, was andere Leute oftmals stört, vor allem beim Anschauen von Trailern oder Zappen durch die Kanäle. Das alles verlagern wir auf den zweiten Bildschirm – Die Navigation wird auf das Smartphone oder Tablet verlagert, und auf dem Hauptbildschirm findet die Viewing Experience, das Fernsehen selbst, statt.

IPTV-Anbieter.info: Gibt es bei solchen Technologien noch zu bewältigende Probleme?

S. Jenzowsky: Diese Lösungen, die wir heute auch gezeigt haben, kommen jetzt erst auf den Markt. Es sind Innovationen – und das wichtigste an Innovationen ist, sie geschickt und intelligent auf die Straße, also in die Hand des Konsumenten, zu bringen. Ich bin sehr sicher, dass wir bald so navigieren werden, wie wir das heute hier gezeigt haben. Das ist ein richtiger Quantensprung in der Navigation und der Suche von Inhalten.

Es gibt zwar viele Wettbewerbskonzepte, wie beispielsweise Google TV, was ein sehr suchorientiertes Konzept ist. Aber wir sehen auch aus der Marktresonanz, dass unser System sehr gut funktioniert. Das Hauptthema für uns ist aktuell, Partner zu finden, die mit ihren Marken diese Themen in den Markt bringen werden. Wir sind ein Technologieprovider und arbeiten weltweit mit Unternehmen zusammen bzw. für diese Unternehmen.

Jetzt ist es die Aufgabe der Inhalteanbieter zusammen zu kommen und intelligente Geschäftsmodelle aufzusetzen, die uns erlauben, diese Dienste dem Nutzer profitabel anzubieten. Der Vorteil solcher Technologien ist für die Nutzer so hoch, dass wir sehen, wie dieser sogar bereit ist, etwas mehr für solche neuen Technologien zu bezahlen. Gleichzeitig wird dadurch auch wieder etwas mehr Content konsumiert – Es macht wieder mehr Spaß, fernzusehen.

Im zweiten Teil des Interviews sprachen wir mit Herrn Jenzowsky über Fernsehen in der Zukunft und die damit verbundenen Herausforderungen für Entwickler wie Siemens CMT.
» zum zweiten Teil des Interviews mit S. Jenzowsky


Bild: Stefan Jenzowsky - © mit freundlicher Genehmigung von Stefan Jenzowsky


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