„HDR ist ein Feature, mit dem ich auch HD-Programme aufwerten kann.“ Interview mit Stephan Heimbecher, Director Innovations & Standards Sky Deutschland


Heimbecher
Berlin, 06.09.2016: Ultra HD, HDR, 4K, 8K – auf der IFA kursieren auch in diesem Jahr wieder abenteuerliche Begriffskombinationen. Was kann Ultra HD überhaupt? Wozu brauchen wir HDR? Und wann sollen diese ganzen Technologien überhaupt standartisiert werden? Stephan Heimbecher hat sich mit uns auf den Weg durch den Begriffsdschungel gemacht.

IPTV-Anbieter.info: Vorweg Herr Heimbecher, erst einmal vielen Dank für dieses Interview. Zur Sache: Nach SD und HD erobert jetzt UHD die Fernsehwelt. Können sie noch einmal für uns zusammenfassen, wodurch sich Ultra HD auszeichnet?

Stephan Heimbecher: Ultra HD hat zwei Formate, im Volksmund 4K und 8K genannt. Die stellen wesentlich höhere Auflösungen dar, als es Full HD kann. Full HD hat eine Auflösung von 1080p, 4K ist die vierfache Auflösung davon, 8K die sechzehnfache Auflösung. Das ist der Auflösungsaspekt. Es gibt aber noch andere Aspekte, die maßgeblichen Einfluss auf die Bildqualität haben. UHD hat z.B. heute schon einen deutlich erweiterten Farbraum und einen erhöhten Dynamikumfang. In Zukunft wird es auch noch höhere Frameraten geben. Man arbeitet dann nicht mehr nur mit 50 Bildern pro Sekunde, sondern mit 100 oder noch mehr.



IPTV-Anbieter.info: Wie viele Ultra HD-fähige TV-Geräte wurden denn in diesem Jahr verkauft?

Stephan Heimbecher: Es gibt ja schon seit 2014 erste Ultra HD Geräte. Im ersten Halbjahr 2016 wurden insgesamt 3,3 Millionen TV-Geräte in Deutschland verkauft. Davon sind ein Viertel UHD-fähig. Im Vorjahreszeitraum waren das nur acht Prozent. Innerhalb eines Jahres hat sich die Anzahl also verdreifacht.

IPTV-Anbieter.info: Es sind zahlreiche UHD-Geräte auf den Markt und in den Wohnzimmern. Nur die verfügbaren Programminhalte sind noch sehr überschaubar. Wann rüsten die Rundfunkanbieter auf?

Stephan Heimbecher: Wir sind gerade in einer Phase, in der die Angebote zunehmen. Sky hat angekündigt, dass wir im Herbst unsere UHD-Kanäle starten werden. Ein genaues Datum werden wir in Kürze bekannt geben. Wir werden auch UHD-Inhalte über Video on Demand zur Verfügung stellen. Natürlich kann man so etwas nicht von heute auf Morgen explodieren lassen, das muss man langsam einfädeln. Eine Herausforderung ist auch die Bandbreitenanforderung, die bei UHD höher ist. Wir gehen so ein bisschen zurück ins analoge Zeitalter, wo für einen Kanal ein Transponder nötig war. Das ist jetzt ein bisschen überspitzt, aber all die Einsparungen, die wir über die Jahre im Bereich HD erreicht haben durch verbesserte Kompressionsverfahren, werfen wir wieder über Bord. Über einen Satellitentransponder bekomme ich maximal zwei UHD-Kanäle. Im Gegenzug dazu kann ich 6 bis 8 HD Kanäle bekommen. Aber auch das ist nur eine Frage der Zeit. Wir arbeiten im UHD-Umfeld mit HEVC, einem relativ neuem Komprimierungsstandard. Wir müssen jetzt einfach zwei bis drei Generationen an Encodern abwarten, bis das letzte aus dem Standard herausgeholt wird.

Außerdem gibt es momentan schon physikalische Medien wie UHD BluRay, über die man Inhalte in Ultra HD ansehen kann. Hier gibt es einen deutlichen Zuwachs der verfügbaren Titel. Dann gibt es sehr viele Streamingangebote. Amazon Prime und Netflix haben UHD-Angebote. Über IPTV bei der Telekom können Programme empfangen werden.

Im Broadcastbereich haben wir momentan noch eine Vormachtstellung demolastiger Inhalte. Sowohl bei Astra, als auch bei Eutelsat, gibt es einige UHD Demokanäle. Es gibt auch schon erste Testausstrahlungen vom ZDF gemeinsam mit Eutelsat. Also es gibt hier definitiv erste Gehversuche. Das inhaltliche Angebot wird stark steigen und 2017 wird sich das konsequent fortsetzen. Nächstes Jahr dürfte ein spannendes Jahr für Ultra HD werden.

IPTV-Anbieter.info: Ultra HD und HDR sind Begriffe die auf der IFA oft in einem Atemzug genannte werden. Kann jedes UHD-fähige Gerät auch Bilder in HDR Qualität anzeigen?

Stephan Heimbecher: Nein. UHD bezeichnet zunächst einmal nur die höhere Bildauflösung. Dann habe ich eben so Sachen wie den Farbraum, der UHD Standard geht bis BT.2020. Das ist der maximale Farbraum den man sich technisch heute vorstellen kann. Der wird aber noch von keinem Endgerät erreicht. Das heißt also, selbst wenn ich heute modernste Ultra HD Fernseher habe, dann werden die den Farbraum noch nicht so weit ausnutzen können, wie er im Signal theoretisch verfügbar wäre. Das ist selbst mit OLED Geräten noch nicht darstellbar. HDR ist ein weiteres Feature, das nicht zwingend zu Ultra HD gehört. HDR wird aktuell sehr stark mit dem Thema Ultra HD in den Markt gebracht. Aber HDR ist ein Feature, mit dem ich auch HD-Programme aufwerten kann. Das ist nicht zwingend verheiratet mit Ultra HD.

typischer Ausstellerstand auf der IFA 2016 - hier Mertz

IPTV-Anbieter.info: Im Juli wurde ein Standard festgelegt für Inhalte in HDR-Qualität. Wie sieht dieser Standard aus?

Stephan Heimbecher: Im Standard ITU BT.2100 wurden zwei Formate für HDR festgelegt, in der Produktion und im Programmaustausch. Das ist einmal Perceptual Quantizer (PQ) HDR und Hybrid Log-Gamma (HLG) HDR.

Beim HDR-Verfahren gibt es eine sogenannte Transferkurve. Diese setzt das optische Signal, welches mit der Kamera aufgenommen wird, in ein elektrisches Signal um. Das Signal kann ich dann übertragen. Das ganze nennt sich Opto-Electrical-Transfer Function. Am anderen Ende läuft der Prozess umgekehrt ab. Die Eletrical-Opto-Transfer Function macht aus den elektrischen Daten wieder ein optisches Signal, das ich dann auf meinem Display sehen kann. Diese beiden Verfahren müssen natürlich korrelieren, sonst kann mein Bild nicht dargestellt werden. Im heutigen HD-Umfeld gibt es eine Gammakurve die das erledigt. Diese bietet aber den Dynamikumfang nicht, der für HDR benötigt wird. Es gibt verschiedene Ansätze, wie man das Signal erweitern kann. Ein Ansatz ist PQ HDR. Dieser Standard zielt sehr stark auf das menschliche Auge ab und kann eine sehr hohe Bildbrillanz aus dem Signal herauskitzeln. Allerdings ist er nicht mit allen Geräten kompatibel.

Hybrid Log Gamma (HLG) HDR ist ein Verfahren, das einen Kompromiss darstellt. Es ist abwärtskompatibel, funktioniert also auch für ältere Geräte, dafür kitzelt es aber nicht alles raus, was HDR theoretisch kann.

Als Rundfunkanbieter, da spreche ich für Sky, favorisieren wir den Standard HLG, weil er auch zu älteren Geräten kompatibel ist. Wir müssen ja davon ausgehen, dass nicht jeder gleich einen UHD HDR-fähigen Fernseher zuhause stehen hat, wenn wir mit HDR-Ausstrahlung beginnen. Um diese Zuschauer nicht auszuschließen, gehen wir lieber auf Nummer sicher und setzen auf ein rückwärtskompatibles Verfahren, als auf ein Verfahren, welches vielleicht noch zwei bis drei Nuancen mehr aus dem Signal rausquetscht. Deswegen ist HLG für uns aber auch für viele andere Rundfunkanbieter so wichtig. Trotzdem muss man sagen, letztendlich kann man in der Bildqualität keinen Unterschied ausmachen. Ich möchte mal behaupten, der Kunde wird in der Regel nicht unterscheiden können, ob ich das Signal mit PQ oder HLG bearbeitet habe.

IPTV-Anbieter.info: Schon bei der Einführung von HD gab es große Verwirrung unter den Verbrauchern, die ein TV-Gerät kaufen wollten und sich nicht ganz im Klaren waren, wo die Unterschiede zwischen HD ready und Full HD sind. Bei UHD bahnt sich ein ähnlicher Begriffsdschungel an. Worauf muss ich achten wenn ich ein UHD-Gerät kaufen möchte?

Stephan Heimbecher: Diese Logovielfalt erleben wir leider jetzt auch schon wieder, das ist einfach eine Krankheit des Marketings, die wir in allen Bereichen der Unterhaltungsbranche erleben. Es gibt zwei Logos, die Mindeststandards gewährleisten. Das ist zum einen ein Logo von Digital Europe. TV-Geräte mit diesem Logo erfüllen Mindestanforderungen für UHD. Dann gibt es ein Ultra HD Premium Logo. Das wurde von der UHD-Alliance, einem Zusammenschluss von Content-Anbietern, Hollywood Studios, großer Rundfunkanbieter und namhafter Hersteller, Anfang des Jahres ins Leben gerufen. Dieses Logo setzt höhere Standards, z.B. zeigt es an, dass vom Gerät auch HDR unterstützt wird. Diese zwei Logos kann man als Maßstab nehmen, aber darüber hinaus, stellt man leider fest, dass jeder Hersteller mit seinen eigenen „Super Ultra HD“ Logos daherkommt. Es ist ein Dschungel, den man schwer durchschaut, aber wir haben festgestellt, es lässt sich nicht bekämpfen.

IPTV-Anbieter.info: Wann ist eine Standardisierung des UHD-Standards zu erwarten?

Stephan Heimbecher: Die Standardisierung soll im Herbst dieses Jahres erfolgen. Im Oktober ist die nächste entscheidende Sitzung zu dem Thema. Die Problematik, die sich heute insgesamt in der Standardisierung stellt, ist, dass sich die gesamte Landschaft über die letzten zwei Jahrzehnte extrem gewandelt hat. Früher hat man sich zusammengesetzt und Marktanforderungen gesammelt. Dann hat man technische Spezifikationen dazu entwickelt.

Heute wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Man hat 5 oder noch mehr technische Lösungen für ein Problem, das man eigentlich noch gar nicht hat. Man versucht dann, rückwärts das Problem zu identifizieren. Für die Lösung hat man dann aber 5 verschiedene Möglichkeiten von 5 verschiedenen Anbietern, die alle ein Interesse daran haben, dass ihre Technologie in den Standard rückt. Daher ist das von Anfang an ein großes Politikum und das verzögert den Standardisierungsprozess. Nehmen wir das Beispiel HDR. Hier hatten wir verschiedene Lösungen. Diese mussten wir schrittweise reduzieren, bis wir sie auf die zwei Formate standardisieren konnten. Die Hoffnung ist jetzt weiterhin groß, dass der DVB-Standard für UHD im Oktober so weit gediehen ist, dass zumindest klar ist, in welche Richtung es gehen soll.

IPTV-Anbieter.info: Vielen Dank Herr Heimbecher für das sehr ausführliche Interview!

Weiterführendes
» auch mit Peter Koch von LG sprachen wir über HDR und die technischen Möglichkeiten – zum Interview;

Bildquelle: Portraitbild: Stephan Heimbecher - © mit freundlicher Genehmigung Stephan Heimbecher, Sky;
andere Fotos im Artikel: © IPTV-Anbieter.info;


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