„Eine Rundfunk-Ausstrahlung ist durch LTE definitiv nicht zu ersetzen“ – Interview mit Carine Chardon, Geschäftsführerin der Deutschen TV-Plattform


Carine Chardon, Geschäftsführerin Deutsche TV-Plattform

25.09.2015; Was es in anderen Ländern bereits gibt, soll es im kommenden Jahr auch in Deutschland geben. HDTV terrestrisch übertragen via DVB-T. Und das noch moderner und effizienter als anderswo. Wie?

Wir sprachen mit der Geschäftsführerin der Deutschen TV-Plattform Carine Chardon über die Chancen und Schwierigkeiten der Umstellung, LTE als Konkurrenz zu DVB-T, die Zukunft des linearen Fernsehens und vieles mehr.


IPTV-Anbieter.info: Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. DVB-T sieht sich in Deutschland durch eine gutausgebaute Kabel-, Sat- und Internetinfrastruktur großer Konkurrenz gegenüber. Warum ist terrestrisches Fernsehen notwendig?

Carine Chardon: Das digitale Antennenfernsehen ist der klassische TV-Verbreitungsweg mit zwei großen Vorteilen: DVB-T ist in Deutschland für jedermann quasi überall empfangbar und es ist der einzige Verbreitungsweg, der unterwegs (mobil) lineares Fernsehen auch mit portablen Geräten ermöglicht. Die anderen Verbreitungswege setzen auf stationäre Nutzung, im Haushalt und zumeist leitungsgebunden. DVB-T hat zudem den Vorteil geringer Einstiegskosten und kann sehr einfach installiert werden.

Dass diese Aspekte von den Zuschauern erkannt werden, zeigen die Zahlen des Digitalisierungsberichts 2015. Demzufolge nutzen rund 7,6 Millionen Haushalte in Deutschland DVB-T über verschiedenste Endgeräte (19 Prozent). Der Empfang am TV-Gerät bleibt mit rund 4 Millionen TV-Haushalten (9,7 Prozent) im Wesentlichen stabil, im Vergleich zu Satellit, Kabel und IPTV. In Ballungsräumen erreicht die Nutzung des digitalen Antennen-TVs sogar deutlich über 20 Prozent. Grundsätzlich ist DVB-T aber für viel mehr Leute nutzbar, denn die Anzahl verkaufter DVB-T-Empfangsgeräte ist sehr hoch - praktisch jedes TV-Gerät verfügt heute über einen DVB-T Tuner. Zu den TV-Flachbildschirmen kommen Receiver, aber auch USB-TV-Sticks für Laptops und Notebooks, DVB-T-fähige Navigationsgeräte, Zusatzmodule für Smartphones und Tablets sowie Festeinbauten in Kraftfahrzeugen hinzu.

IPTV-Anbieter.info: Welche Vorteile soll die Umstellung auf DVB-T2 mit sich bringen?

Carine Chardon: Die Antennenhaushalte sind die einzigen in Deutschland, die noch nicht in den Genuss des hochauflösenden Fernsehens HDTV kommen. Das soll sich mit DVB-T2 endlich ändern! Da wir in Deutschland DVB-T relativ frühzeitig eingeführt hatten, und man sich dabei für das Kompressionsverfahren MPEG-2 entschieden hatte, reichen die Frequenzen nicht für eine Ausstrahlung von HDTV über DVB-T wie in anderen Ländern, die auf die höhere Kompression mit MPEG-4 setzen. Insofern nutzt Deutschland jetzt mit DVB-T2 die zweite Generation des Standards, um das terrestrische Digitalfernsehen zu modernisieren.

Damit folgen wir übrigens über 70 Ländern weltweit, die bereits DVB-T2 ausstrahlen! Allerdings mit einer Besonderheit: Deutschland kombiniert DVB-T2 mit dem neuesten Videokompressionsstandard HEVC (High Efficiency Video Coding), der quasi der Nachfolger von MPEG-4 ist und ursprünglich für die sehr großen Datenmengen von Ultra HD-TV entwickelt wurde. Deutschland ist mit dieser Kombination Vorreiter – auch um die knappen terrestrischen Frequenzen so effektiv wie möglich zu nutzen.

Konkret bedeutet das für die Zuschauer: Wie bei Kabel, Satellit und IPTV, bietet das Antennen-TV künftig hochauflösende Fernsehprogramme (HDTV). Genau wie DVB-T wird DVB-T2 HD aber auch mobil-portabel nutzbar sein.

IPTV-Anbieter.info: Im Zusammenhang mit der Umstellung ist auch vom Freiwerden von Frequenzen für den Mobilfunk die Rede. Könnten moderne, schnelle Mobilfunkverbindungen wie LTE nicht auch gleich als Ersatz für terrestrisches Fernsehen dienen?

Carine Chardon: Nein - auch das ultraschnelle LTE ist kein Ersatz für die Rundfunkverbreitung. Jedenfalls bei massenattraktiven Programmen wie dem „Tatort“ oder einem Champions-League-Finale, stößt das Mobilfunkverfahren faktisch an seine Grenzen, wenn es von Millionen Zuschauern abgerufen wird. Eine Rundfunk-Ausstrahlung ist da definitiv nicht zu ersetzen, da sind sich alle Experten einig, übrigens auch die Ingenieure der Mobilfunkbetreiber.

Das liegt in der Natur der Sache: Rundfunk ist Point to Multipoint-Übertragung, während Mobilfunk Point to Point-Übertragung ist. Praktisch bedeutet das: Ein Rundfunk-Sendenetz kann nicht überlastet werden, egal wie viele zuschauen. Während 1000 Live-TV-Zuschauer via Smartphone oder Tablet schon mal eine Mobilfunkzelle kollabieren lassen können.

Nicht ganz unerheblich für Verbraucher ist auch, dass Rundfunk erstmal kostenfrei nutzbar ist, Fernsehen via LTE dagegen verbraucht enorm viel Datenrate! Da müsste man je nach Vertrag schon nach der ersten Halbzeit der Fußballübertragung nachkaufen.

Dass nach dem 800-MHz-Band nun auch die 700-MHz-Frequenzen als Kapazität für das Antennen-TV zugunsten der Mobilfunk-Anbieter versteigert wurde, ist natürlich ein Rückschlag. Jedoch weniger perspektivisch, denn mit der Umstellung auf DVB-T2 ist eine bessere Frequenzeffizienz zu erreichen. Problematisch ist vielmehr der außerordentlich enge Zeitplan, den Bundesregierung und Bundesnetzagentur vorgegeben haben. Das bedeutet, dass in der anstehenden Umstiegsphase, während der aus Gründen der Zuschauer-Freundlichkeit DVB-T und DVB-T2 parallel ausgestrahlt werden, dafür das verbleibende Frequenzspektrum unter 700 MHz genutzt werden muss. Eine echte Herausforderung!

Zurück zu Frage Rundfunk versus Mobilfunk: Es muss nicht zwangsläufig entweder oder sein. Es gibt immer mehr Versuche, das Beste aus beiden Welten zu nutzen und die Übertragungseigenschaften je nach Nutzungs-Szenario ergänzend einzusetzen, übrigens, ohne dass der Zuschauer etwas davon mitbekommt. Den interessiert ja nur, dass sein Bild stabil bleibt und die Kosten nicht explodieren. Die Zukunft des Fernsehens könnte also eher in der intelligenten Kombination von Rundfunk und Mobilfunk liegen.

IPTV-Anbieter.info: Für wie realistisch sehen sie eine DVB-T2 Start im kommenden Jahr? Welche Hürden gilt es noch zu nehmen?

Carine Chardon: Alle Weichen sind gestellt und die Ergebnisse in den Testgebieten Berlin, München und Köln sind ermutigend. Deshalb geht die Deutsche TV-Plattform davon aus, dass der geplante Zeitablauf eingehalten wird. Demnach gibt es eine Einführungs-Pilotphase ab Frühjahr 2016 rund um die Fußball-EM und die Olympischen Sommerspiele in frei empfangbaren Multiplexen in den Ballungsräumen. Nach der IFA im nächsten Jahr, kommt dann die Zielgerade auf den Umstieg, in dem schrittweise alle Multiplexe von Region zu Region umgeschaltet werden. Der genaue Zeitplan hierfür wird in Kürze bekannt gegeben, wir rechnen mit dem 1. Halbjahr 2017. Bis Mitte 2019 soll dann deutschlandweit der Wechsel von DVB-T auf DVB-T2 HD komplett erfolgt sein. Größere Hürden sehe ich derzeit nicht. Aktuelle Informationen bieten außer unser Webauftritt auch die Angebote des von der Initiative beauftragten Projektbüros (www.dvb-t2hd.de) wie auch des Sendenetz- und Plattformbetreibers Media Broadcast (www.dvb-t2-news.de).

IPTV-Anbieter.info: Werden auch entsprechende Endgeräte rechtzeitig zur Verfügung stehen?

Carine Chardon: Rechtzeitig ist gut: Einige stehen schon jetzt zur Verfügung, und es werden immer mehr! Das Entscheidende für die Zuschauer, die auf DVB-T2 HD umsteigen wollen, ist: Die Empfangsgeräte müssen sowohl DVB-T2-Empfänger haben als auch den Kompressionsstandard HEVC unterstützen. Der DVB-T2 Tuner alleine reicht für den Empfang in Deutschland nicht! Die Martktbeteiligten haben die technischen Mindestanforderungen für die Basis-Dienste im Frühjahr schriftlich fixiert, sich auf das grüne Logo DVB-T2 HD als Kennzeichnung für Geräte, die diese Anforderungen erfüllen, geeinigt und beides zur Verwaltung an die Deutsche TV-Plattform übergeben. Gerätehersteller können das Gütesiegel auf Antrag bei uns erwerben. Für Handel und Verbraucher gibt das Logo eine wichtige Orientierung und Investitionssicherheit. Details finden sie in unserem Webauftritt in einem Special unter: www.tv-plattform.de/dvb-t2-hd-einfuehrung

IPTV-Anbieter.info: Am Beispiel Digitalradio wird deutlich, dass die Verbraucher manchmal nicht so schnell umstellen möchten, wie es die Programmveranstalter gerne hätten. Welche Übergangsfristen wird es geben?

Carine Chardon: Die Zuschauer zu überzeugen, liegt in der Hand der Anbieter. Attraktive Dienste und Programme werden von den Nutzern in der Regel geschätzt, die Vermarktung wird der Plattformbetreiber angehen. Flankierend haben die großen Sendergruppen, der VPRT und die Landesmedienanstalten ein Projektbüro gegründet, das den Umstieg seitens der Sender kommunikativ stützen soll. Dass der eigentliche Umstieg recht schnell passieren wird, liegt unter anderem an der vorhin beschriebene Frequenzsituation. Leider wird der Zeitraum des "Simulcast", in dem das "alte" DVB-T und das "neue" DVB-T2 HD parallel ausgestrahlt werden, recht knapp ausfallen. Konkrete Details sind noch nicht bekannt, außer dass der Umstieg schrittweise in den einzelnen Regionen erfolgen wird.

IPTV-Anbieter.info: Großes Thema der diesjährigen IFA war UHDTV. Kritiker monieren, hier ginge es vor allem um den Absatz neuer TV-Geräte. Was setzen Sie dem entgegen?

Carine Chardon: Wegen höherer Absatzzahlen werden keine neuen Fernsehstandards entwickelt. Umgedreht wird ein Schuh daraus: Konsumentenbedürfnisse wie die nach TV- und Bewegtbild-Genuss mit besserer Bildqualität und Super-Sound sowie neue technische Möglichkeiten veranlassen Hersteller zur Entwicklung neuer Geräte. Viele Innovationen in Sachen Bildqualität kommen aus der Kinoproduktion - denken wir an 3D oder 4K! Klar, dass die Unterhaltungselektronik diese Trends beobachtet und aufgreift. Dabei tut die Industrie einiges, um den Nutzen der Geräte aufzuwerten, solange die TV-Sender noch nicht mit an Bord sind.

Nehmen wir das Beispiel Ultra HD: Erste reguläre Ultra HD-Fernsehkanäle sind gerade zur IFA 2015 gestartet. Bisher konnten sie mit geeigneten, neuen Ultra HD-Geräten schon die Demo-Kanäle über Satellit und hochskalierte HDTV-Programme sehen, oder aber professionelle und private Videos mit schärferer Auflösung betrachten. Nun aber steigt das „native“ UHD-Inhalte-Angebot rasant mit den neuen regulären Ultra HD-TV-Programme und neuen Filmen bzw. Serien in VoD- bzw. Streaming-Plattformen. Dazu kommen noch die für 2016 angekündigten Ultra HD Blu-rays – vor allem von den großen Filmstudios.

Eine Übersicht über die verfügbaren Ultra HD Inhalte finden Interessenten übrigens in unserem neuen Flyer „Inhalte für das TV-Erlebnis Ultra HD“ und die Broschüre „Einkaufsberater Ultra HD“ gibt Orientierung für den Gerätekauf. Und was die Zuschauer betrifft, die dürfen schließlich wählen, ob sie sich vom neuen Standard oder der neuesten Geräteinnovation mitreißen lassen. Das Interesse an Ultra HD in Deutschland ist groß, wie auch eine exklusive Umfrage der Deutschen TV-Plattform mit der GfK zur IFA zeigt: Fast jeder Dritte beabsichtigt bereits den Erwerb eines Ultra HD Fernsehers.

IPTV-Anbieter.info: Welche großen Innovationsschritte sehen Sie außerdem für den Fernsehbereich?

Carine Chardon: Neben flacher und schärfer sowie der erwähnten zeitversetzten Nutzung via VoD und Streaming, ist die intelligente Vernetzung der wichtigste TV-Trend. Die Faszination am Smart-TV hält übrigens seit 2009 an! Mit dem Ergebnis, dass inzwischen über 22 Millionen Smart-TVs in Deutschland verkauft wurden. Smartes Fernsehen erfreut sich wachsender Beliebtheit, wie die Nutzung der Mediatheken als HbbTV-Service und die von Bewegtbild-Apps in den Geräteportalen zeigen.
Neu ist dabei, dass die Geräte immer mehr zu vernetzten „Alleskönnern“ werden, die Bedienung einfacher und intuitiver wird, und mit intelligenten Algorithmen sowie personalisierbaren EPGs das so genannte „Empfehlungsfernsehen“ Einzug hält. Unsere Exklusiv-Studie zur IFA 2015 hat auch gezeigt, dass 68 Prozent der Befragten Bewegtbildinhalte mobil nutzt – oft auf portablen Geräten. In diese Richtung werden wir noch weitere Innovationsschritte zu erwarten haben.

IPTV-Anbieter.info: IPTV und Video on Demand haben immer größere Zuwachsraten. Wird es in zehn Jahren überhaupt noch notwendig sein, lineares Fernsehen via Satellit, Kabel oder Antenne zu verbreiten?

Carine Chardon: Oh doch, denn die „klassischen“ TV-Verbreitungswege sind bei der Massenverbreitung konkurrenzlos effizient, wie die DVB-Standards der zweiten Generation beweisen. Hier zähle ich IPTV in seiner gemanagten Form übrigens hinzu! Lineares TV wird es auch weiter geben - besonders mit den Inhalten, bei denen der Live-Charakter ausschlaggebend ist. Oder wie soll weltweit 2 - 3 Milliarden Zuschauern gleichzeitig das Endspiel einer Fußball-WM geboten werden, ohne TV-Empfangswege wie Satellit, Kabel, Antenne und IPTV?

IPTV-Anbieter.info: Herzlichen Dank Frau Chardon für das aufschlußreiche Gespräch!

Bildquelle: Portraitbild: Carine Chardon - © mit freundlicher Genehmigung Carine Chardon, Deutsche TV-Plattform


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