„Fernsehanstalten müssen Second Screen als Selbstverständlichkeit integrieren“ - Interview mit Dr. Stefan Arbanowski, Fraunhofer FOKUS

Leipzig, 11.11.2013


Dr. Stefan Arbanowski, Frauenhofer FOKUS

Ob TV, Smartphone, Tablet PC oder Laptop - vernetzte Geräte bieten immer mehr Nutzungsmöglichkeiten. Neben Web-TV-Angeboten werden so auch Multiscreen-Szenarien ein immer wichtigerer Faktor im Fernsehmarkt. Anlässlich des Bitkom TV Summit 2013 in Berlin, sprachen wir mit Dr. Stefan Arbanowski, Leiter des Kompetenzzentrums "Future Applications and Media" des Fraunhofer FOKUS, über den aktuellen Stand von Web-TV, die Entwicklungen in den nächsten Jahren und das Potential, das noch im Prinzip Second Screen steckt.


IPTV-Anbieter.info: Herr Arbanowski, vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben. Zur Sache: Die Nutzung von Web-TV-Angeboten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Welche Entwicklung erwarten Sie für die nächsten Jahre?

Dr. Stefan Arbanowski: Die Nachfrage nach vernetzten Geräten steigt weiterhin stark an. Das Marktforschungsinstitut GfK hat im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom aktuelle Zahlen ermittelt (1). Demnach werden allein in diesem Jahr bereits 77 Prozent der verkauften Flachbildfernseher internetfähig sein. Betrachtet man die Gesamtzahl der vernetzbaren Geräte wie Notebooks, Smartphones, Tablet-Computer und Fernsehgeräte wird der Anteil vernetzbarer „Screens“ 95 Prozent auf dem deutschen Markt betragen. Die deutliche Tendenz zu vernetzten Produkten, hat sich 2013 weiter beschleunigt und fortgesetzt, auch das parallele Nutzen verschiedener Bewegtbildmedien nimmt zu.

IPTV-Anbieter.info: Wodurch wird diese Entwicklung begünstigt oder gehemmt?

Dr. Stefan Arbanowski: Die in modernen Fernsehgeräten verbaute Hard- und Software wird immer leistungsstärker. Prozessoren und Speicher erreichen heute zwar noch kein Smartphone-Niveau, kommen diesem aber immer näher. Wir müssen außerdem die verschiedenen Systemansätze zusammenführen. Noch fehlt ein einheitlicher Standard, der die Interaktion zwischen den Endgeräten ermöglicht. Wie schnell und vor allem wie weit hier die unterschiedlichen Welten der Hersteller zusammenwachsen, wird entscheidend für die weitere Entwicklung sein.

IPTV-Anbieter.info: Könnten Web-TV und IPTV in Deutschland schneller wachsen, wenn der Breitbandausbau im EU-Vergleich nicht hinterherhinken würde?

Dr. Stefan Arbanowski: Ja, die Stärke der Übertragungsrate darf kein limitierender Faktor sein. Interessant sind hier auch technische Lösungen zur Komprimierung der übertragenen Inhalte.

IPTV-Anbieter.info: Inwiefern wird Ultra HD den Bereich Web-TV verändern?

Dr. Stefan Arbanowski: Die Bildschirmgrößen werden weiter ansteigen und die Nachfrage nach ultrahochauflösenden Inhalten antreiben. Die technischen Möglichkeiten haben bereits in wenigen Jahren wahrnehmbare Rückkopplungseffekte auf die Angebote an Inhalten.

IPTV-Anbieter.info: Es gibt zahlreiche Konzepte für Multiscreening, aber das Thema scheint hierzulande von der Masse der Zuschauer kaum angenommen zu werden. Woran liegt das und was könnte das ändern?

Dr. Stefan Arbanowski: Unser Eindruck ist durchaus, dass Multiscreen-Anwendungen vom Zuschauer gut angenommen werden. Der Fernseher ist nicht mehr das einzige Gerät, mit welchem TV- und Videoinhalte angesehen werden. Aktuelle Zahlen des BITKOM belegen, dass zusätzlich zum klassischen Fernsehgerät 66 Prozent der Zuschauer regelmäßig auch den PC oder Laptop, 39 Prozent den Tablet Computer und 29 Prozent das Smartphone für Fernseh- oder Videoinhalte nutzen (2).

Die Anbieter von Inhalten dürfen Ihr Second Screen-Konzept noch weiter ausbauen und beim Zuschauer für deren Nutzen werben. Die Anwendungsgebiete hierfür sind vorhanden und ich bin sicher, dass die konkreten Anwendungsszenarien weiter ausgebaut werden. Dass immer mehr Fernsehzuschauer mit Ihrem Laptop, Tablet Computer oder Smartphone auf dem Sofa sitzen und parallel zum laufenden TV-Programm surfen, ist unbestritten. Uns kommt es darauf an, diese veränderten Sehgewohnheiten wahrzunehmen und aufzugreifen und mit Multiscreen Inhalten und Anwendungen zu erweitern.

IPTV-Anbieter.info: Welche Chancen bieten Multiscreening-Angebote?

Dr. Stefan Arbanowski: Die intelligente Verzahnung verschiedener, parallel genutzter Endgeräte wird weiter im Mittelpunkt stehen. Dafür müssen die Inhalteanbieter geeignete Strategien entwickeln. Dasselbe auf unterschiedlichen Geräten zu zeigen, wird nicht ausreichen. Es geht hier um einen echten Mehrwert. Beispielsweise bei der Übertragung von Sportereignissen: Sie sehen sich ein Formel 1-Rennen an. Das Renngeschehen wird wie üblich aus wechselnden Kameraperspektiven gezeigt. Gleichzeitig können Sie live aus dem Cockpit und aus Sicht Ihres Favoriten das Rennen verfolgen. Auf dem Second Screen, dem Smartphone oder Tablet PC, wird hierfür der Stream von der Onboard-Kamera des Rennautos gezeigt.

Die spannende Frage für Fernsehsender und Werbetreibende lautet, wie sich Inhalte auf dem Second Screen monetarisieren lassen. Hier ist beispielsweise nicht nur eine synchrone Werbeausstrahlung auf beiden Screens möglich. Umsetzbar ist die Übertragung von Zusatzinformationen zum beworbenen Produkt auf meinem Second Screen mit einer Shopweiterleitung, die mir parallel zum Werbespot angezeigt wird. Die Nutzungsmöglichkeiten sind hier breitgefächert und werden laufend weiterentwickelt, auch bei uns im Haus in unserem Media Lab.

IPTV-Anbieter.info: Quasi alle neuen TV-Geräte bieten mittlerweile smarte Funktionen. Aber werden die Geräte dem Begriff „smart“ wirklich schon gerecht? Oder werden die wirklich relevanten Funktionen Ihrer Meinung nach erst noch kommen?

Dr. Stefan Arbanowski: In den kommenden Jahren werden Online-Angebote aus diversen cloudbasierten Diensten gegenüber klassischen, linearen Angeboten zunächst langsam, dann aber immer schneller an Bedeutung gewinnen. In diesem Zusammenhang werden Fernsehgeräte und Set-Top-Boxen in ihrer Bedienung dementsprechend an die gewohnten Bedienkonzepte von Tablets und Smartphones angeglichen. Interaktion findet vorrangig über mobile Endgeräte statt. Neue Geräteklassen, wie sehr preiswerte HDMI-Streaming-Clients, werden den Online-Trend weiter beschleunigen und einen alternativen Netzzugang für alle TV-Geräte bieten. Der Fernseher spielt in diesem neuen Szenario für Netz-Inhalte eher die Rolle eines vergrößerten Tablet- bzw. Smartphone-Bildschirms.

IPTV-Anbieter.info: Welches Potential bieten Multiscreen-Anwendungen in Verbindung mit Smart-TV-Funktionen?

Dr. Stefan Arbanowski: Es gibt viele interessante Ideen, wie sich Multiscreen-Anwendungen ausbauen lassen: Von „die Schuhe kaufen, die der Star im Fernsehen gerade trägt“ über „den Song aufs Handy streamen, der gerade im Fernsehen als Soundtrack läuft“ bis hin zu „das Buch zum Film“ oder die „DVD zur Staffel“. Natürlich liegen diese Ansätze sehr nahe. Die Akzeptanz dieser Mehrwertdienste beim Zuschauer ist vorhanden, für deren Umsetzung brauchen wir die Fernsehanstalten, damit diese das Second Screen-Konzept mit aufnehmen und als Selbstverständlichkeit in ihre Sendungen integrieren.

IPTV-Anbieter.info: Wird das Fernsehgerät in der Zukunft immer weniger Entertainment-System und stärker Schaltzentrale für den Haushalt sein? Oder sind derartige Funktionen eher auf den Second-Screen-Geräten besser platziert?

Dr. Stefan Arbanowski: Es geht hier nicht um die Frage „Entweder…, oder…“, sondern ganz in unserem Sinne, den Nutzern von Medien, um ein „Sowohl…, als auch…“. Das heißt, es wird immer auch um gute Unterhaltung, um Mehrwertdienste und die Vermittlung von Informationen gehen. Der Bedarf und die Nachfrage nach gutem Entertainment sind ungebrochen. Die zunehmende Vernetzung von Fernsehen und Internet unterstützt genau diesen Bedarf und dieses Interesse des Zuschauers und eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten, die gleichzeitig unterhalten, Spaß machen und informieren. Unser Anliegen ist es, diesen Prozess zu begleiten und die technischen Möglichkeiten auszubauen, denn die Anwendungsszenarien, sei es nun im klassischen Unterhaltungsbereich oder in Form einer „Schaltzentrale für den Haushalt“, wie Sie es nennen, sind so vielfältig.

IPTV-Anbieter.info: Herr Arbanowski, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!


(1): zur besagten Studie;
(2): zur besagten Studie;

Portraitbild: © Dr. Stefan Arbanowski, Frauenhofer FOKUS;


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