IFA-Messegespräch: “Die häufigste Frage der letzten Jahre hier am Infostand der Digitalen Welt, war die Frage nach hochauflösendem Fernsehen über Antenne.” Interview mit Thomas Schierbaum, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts für Rundfunktechnik


Berlin, 03.09.2016; In Zeiten von UHD-fähigen TV-Geräten und OLED-Technologie scheint DVB-T mit seiner SD Auflösung wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Doch das hat bald ein Ende. Die Umstellung auf den neuen Standard DVB-T2 HD ist in vollem Gange. Worauf Verbraucher achten müssen und was das grüne DVB-T2 HD Logo besagt, darüber sprachen wir mit Thomas Schierbaum.

Thomas Schierbaum | IRT

IPTV-Anbieter.info: Herr Schierbaum, vorab schon einmal vielen Dank für dieses Interview. Zur Sache: Welche Rolle spielt die DVB-T Übertragung im heutigen Angebotspotpourri von Satellit, Kabel, IPTV und Streaming-Angeboten überhaupt noch?

Thomas Schierbaum: DVB-T ist ein wichtiger Verbreitungsweg. Für die öffentlich-rechtlichen Sender ist es der drittwichtigste nach Kabel und Satellit. Außerdem lässt sich DVB-T mit einer Antenne überall mobil empfangen.

IPTV-Anbieter.info: Der Umstieg von DVB-T auf DVB-T2 HD läuft in einigen Ballungszentren bereits seit Mai diesen Jahres. Warum ist ein Umstieg notwendig?

Thomas Schierbaum: Die Bildschirme in den Wohnzimmern werden immer größer und hochauflösender. Der SD-Standard reicht technisch nicht mehr aus, um die Bildqualität zu erfüllen. Die häufigste Frage der letzten Jahre hier am Infostand der Digitalen Welt, war die Frage nach hochauflösendem Fernsehen über Antenne. In der Vergangenheit wurde DVB-T2 in europäischen Ländern noch mit dem Codec H.264 eingeführt. In den letzten Jahren wurde vermehrt der H.265 (HEVC) Standard eingesetzt, ein sehr effizienter Videostandard. Damit war die Zeit reif für DVB-T2 HD.

IPTV-Anbieter.info: Wie unterscheidet sich DVB-T2 HD technisch von seinem Vorgänger?

Thomas Schierbaum: Der technische Unterschied liegt hauptsächlich in der Kodierung. DVB-T2 HD wird über den HEVC-Standard kodiert, das ist der modernste Videokodierungsstandard, den es zur Zeit gibt. Er wird z.B. auch für die UHD-Übertragung eingesetzt. Der HEVC-Standard ermöglicht es, mit niedrigen Datenraten eine deutlich bessere Bildqualität zu erzeugen. So können wir das Programm problemlos über Antenne in HD übertragen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Mehr Programme, eine bessere Qualität und eine Einsparung an Verbreitungskosten.

Vorzüge von DVBT2

IPTV-Anbieter.info: Wie steht es um die Endgeräte? Kann ich meinen alten Fernseher behalten oder muss ich mir ein neues Gerät kaufen?

Thomas Schierbaum: Die Kunden benötigen ein neues Endgerät. Grund ist der neue Videokodierungsstandard. Herkömmliche TV-Geräte können diesen oft nicht lesen. Wenn sie einen neuen Fernseher kaufen, ist es wichtig, dass sie auf das grüne DVB-T2 HD Logo achten. Das Logo garantiert, dass der Fernseher DVB-T2 HD empfangen und verarbeiten kann. Wenn sie ihren alten Fernseher behalten möchten, gibt es noch die Möglichkeit, eine DVB-T2 HD fähige Set-Top-Box anzuschließen. Im kommenden Jahr werden wahrscheinlich auch USB-Sticks für den Empfang auf den Markt kommen.



IPTV-Anbieter.info: Sie stellen hier auf der IFA eine DVB-T2 Full HD-App vor, die sie gemeinsam mit dem WDR entwickelt haben. Was ermöglicht diese App dem Zuschauer?

Thomas Schierbaum: Die App ermöglicht es, DVB-T2 HD auf einem Full HD-fähigem Tablet zu empfangen und in Full HD anzuschauen. Es ist so: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter senden momentan über Kabel und Satellit noch mit einer Auflösung von 720p50. Das ist keine volle HD-Auflösung. Terrestrisch strahlen sie das Programm aber mit der Einführung von DVBT2 HD in 1080p50, das heißt Full HD aus. Mit der App kann ich das Programm also in bester, sehr hoher Qualität auf meinem Tablet sehen. Außerdem ist die Wiedergabe sehr energieeffizient. Wir haben festgestellt, dass wir uns hier auf der Messe 8-10 Stunden Programme über DVB-T2 HD auf dem Tablet anschauen können. Wenn wir dieselben Inhalte streamen würden, wären die Akkulaufzeiten wesentlich geringer.



Für uns als Institut für Rundfunktechnik ist diese App auch eine technische Möglichkeit, Neuerungen zu evaluieren, daher auch die Kooperation mit dem WDR. Wir haben die Videoencodierung und die Ansprache der Hardware realisiert. Der WDR hat eine Benutzeroberfläche entwickelt, die es erlaubt, die Sender auszuwählen und zu steuern. Die Oberfläche hat außerdem einen hybriden Ansatz und gestattet es, Online-Dienste einzubauen. Ein Beispiel: Hier in der Halle können wir den WDR nicht empfangen. In diesem Fall würden ihnen automatisch Streamingangebote, wie z.B. die WDR-Mediathek, vorgeschlagen.

IPTV-Anbieter.info: Wann soll der Umstieg auf den neuen Standard abgeschlossen sein?

Thomas Schierbaum: Die Vorphase hat jetzt begonnen. Seit Mai dieses Jahres gibt es 6 Programme auf DVB-T2 HD Basis in ausgewählten Ballungszentren. Bis März 2017, sollen die Ballungsräume bis zu 40 Programme in DVB-T2 HD empfangen können. Zeitgleich wird der alte terrestrische Standard abgeschaltet. In vereinzelten Regionen kann der bisherige DVB-T Standard noch bis 2019 empfangen werden. Danach wird er überall abgeschaltet.

IPTV-Anbieter.info: Stichwort Vernetzung von Mobilfunk und Rundfunk: Seit einigen Jahren forscht das Institut für Rundfunktechnik gemeinsam mit einem Expertenteam an dem Mobilfunkstandard eMBMS. Können Sie erläutern, worum es sich dabei handelt?

Thomas Schierbaum: eMBMs (evolved multimedia broadcast services) ist ein Übertragungsstandard, der es ermöglicht, Rundfunk- und Mobilfunksignal über einen gemeinsamen Standard zu übertragen. Es ist so, in einer Mobilfunkzelle teilen sich alle Nutzer die festgelegte Bandbreite. Es wird jeweils eine individuelle Verbindung zum Verbraucher aufgebaut, das frisst natürlich Bandbreite. Die Folge: die Datenrate für jeden einzelnen wird geringer. Wenn z.B. alle Nutzer einer Mobilfunkzelle ein Championsleague-Spiel streamen, kann es passieren, dass die Bandbreite nicht für alle ausreicht. Die Rundfunkübertragung arbeitet nach einem anderen Prinzip. Der Sender schickt einen Inhalt an alle Nutzer im Netz. Es werden individuelle Verbindungen aufgebaut. Die Qualität der Übertragung ist also unabhängig davon, wie viele Nutzer es gibt. Nach eben diesem Prinzip arbeitet der eMBMs-Modus. Er erlaubt es, in einer Funkzelle viele Engeräte gleichzeitig anzusprechen. (Anmerkung der Redaktion: Bereits seit 2013 experimentiert Vodafone mit diesem Standard, wir berichteten.)

IPTV-Anbieter.info: Welchen Vorteil bietet dieser Standard den Verbrauchern?

Thomas Schierbaum: Der Verbraucher hätte dann ein Universalnetz. Man bräuchte z.B. in seinem Smartphone oder Tablet keinen zusätzlichen Stick mehr, um terrestrischen Rundfunk zu empfangen. Mobilfunk und Rundfunk würden ja über ein gemeinsames Netz übertragen. Aber das ist noch etwas, das sehr weit in die Zukunft greift.

IPTV-Anbieter.info: Wann könnte ein solcher Standard marktrelevant werden?

Thomas Schierbaum: Wir haben große Flächenversorgungsgebiete. Im Rundfunk arbeiten wir momentan mit niedrigen Sendetürmen, die nicht so leistungsstark sind. Den eMBMs Standard wollen wir in hohen Türmen mit großer Leistungsfähigkeit einsetzen. Dafür hat die Standardisierung 2016 begonnen. In der Regel dauert so eine Standardisierung bis zu 10 Jahre.

Oftmals dauert die Einführung von Technologien viel länger, als wir uns das bei der Entwicklung vorgestellt hatten. Ein Beispiel: Trotz Einführung des DAB Radios, besteht UKW immer noch und wird auch noch bleiben. Ich glaube z.B. auch, wenn der eMBMS Standard irgendwann kommt, wird es DVB-T2 HD trotzdem noch geben.

Wir glauben, dass ein solcher Standard erst 2020 oder sogar 2025 wirklich marktrelevant wird. Trotzdem gilt es jetzt, an solchen Themen zu forschen und die entsprechenden Parameter zu definieren.

IPTV-Anbieter.info: Vielen Dank Herr Schierbaum für das aufschlußreiche Gespräch!

Weiterführendes
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Bildquelle: Portraitbild: Thomas Schierbaum - © mit freundlicher Genehmigung Thomas Schierbaum, IRT;
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